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Was ist ein Auditorisches Hirnstammimplantat? Hörgeräte kompensieren bei Schwerhörigkeit, Cochlea Implantate beim Verlust der Schallleitung und intakten Hörnerven. Wenn beide Hörnerven zerstört werden, wie z.B. durch für die Neurofibromatose Typ 2 charakteristische Tumoren, dann sind diese technischen Hilfen nicht mehr einsetzbar. 1979 wurde auf Basis des CIs das ‘Auditory Brainstem Implant’ – das ABI (Abkürzung gilt auch in Deutschland) – entwickelt, dessen Elektroden dort eingesetzt werden, wo der funktionsuntüchtige Hörnerv beginnt – am Hirnstamm. An hochspezialisierten Zentren wurde das ABI bisher bei etwa vierhundert Patienten eingesetzt.
Prinzip und Aufbau des ABIs Wie ein CI (s. S. 79) besteht ein ABI aus äußeren und implantierten Komponenten. Schallwellen werden durch ein Mikrofon hinter dem Ohr aufgenommen, in elektrische Signale umgewandelt und an einen Mikroprozessor weitergeleitet (Abb. 1). Obwohl nur wenige Patienten mit dem ABI Wörter frei verstehen können, wird auch dieser Prozessor wie beim CI ‘Sprachprozessor’ (SP) genannt, weil er gleich aufgebaut ist. Der SP wird so programmiert, dass jeder Patient unabhängig von der Anzahl und Lage der aktiven Elektroden einen optimalen Höreindruck gewinnt. Die elektrischen Signale vom Mikrofon werden im SP analysiert und in eine Impulsserie umgewandelt, welche auf die aktiven Elektroden über eine Magnetspule auf der Haut und einen Empfänger unter der Haut weitergeleitet wird. Durch die Haut werden die Signale als Funkwellen übertragen. Die Impulsfolge löst in den teilweise unterschiedlichen Tonhöhen zugeordneten Nervenzellen des Hörkerngebietes im Hirnstamm biologische Potenziale aus, die über den intakten Anteil der Hörbahn bis in das Großhirn weitergeleitet werden. Die Großhirnrinde erzeugt daraus eine Hörempfindung. Um durch möglichst viele Elektroden viele Tonhöhen (Frequenzen) zu erreichen, wurden vielkanalige ABIs entwickelt. Inzwischen ist ein 22-Kanal-ABI das weltweit am meisten eingesetzte Implantat, auch mit weniger Elektrodenkontakten konnten aber teilweise vergleichbare Ergebnisse erzielt werden.
Kann das ABI bei allen ertaubten Patienten eingesetzt werden? Das ABI ist nur dann sinnvoll, wenn beide Hörnerven nicht mehr funktionieren. Solange nach Ertaubung noch ein Hörnerv intakt ist und elektrische Potenziale leiten kann, ist ein CI fast immer besser. Prinzipiell ist es möglich, ein ABI bei Kindern einzusetzen, deren Hörnerven nicht angelegt sind. Wie wird das ABI eingesetzt? Spezialisierte Zentren bieten zwei Zugangswege für die Implantation der ABI-Elektroden am Hirnstamm an: durch das Innenohr (translabyrinthär) und hinter dem Ohr durch die hintere Schädelgrube (retrosigmoidal). Beide Methoden sind im Prinzip gleichwertig und die Entscheidung hängt oft mit der zusätzlich notwendigen Entfernung eines Tumors zusammen. Wie ist der Höreindruck mit dem ABI? Im Gegensatz zum CI können nur ca. 10-15 % der Patienten mit dem ABI einzelne Sätze frei verstehen. Nur bei den wenigen jungen Patienten, bei denen die Ursache des Hörverlustes eine beidseitige Anlagestörung oder eine Verletzung der Hörnerven war, sind die Ergebnisse etwas besser. Dennoch profitieren auch die Patienten, die durch Neurofibromatose Typ 2 ertaubt sind, von einem ABI. Vor allem erleichtert das Implantat das Lippenabsehen. Auch die Wahrnehmung von Alltagsgeräuschen wie Türklingeln und vorbeifahrenden Autos wird als hilfreich eingeschätzt. Das eingeschränkte Sprachverständnis kann durch Training mitunter über Jahre verbessert werden. Gibt es neue Trends in der ABI-Forschung? Weil die beim ABI meist verwendeten Oberflächenelektroden nicht alle Nervenzellen im Hörkern direkt stimulieren können, hat man vermutet, dass in den Hirnstamm eingesetzte Nadelelektroden bessere Ergebnisse erzielen könnten. Bei einigen Patienten hat man dieses Prinzip seit 2005 mit kombinierten Oberflächen- und Tiefenelektroden verwirklicht. Die Ergebnisse sind dadurch bisher nicht, wie erhofft, deutlich besser. Die besseren Ergebnisse bei Patienten, deren Hirnstamm nicht durch Tumore beeinträchtigt war, haben zur Entwicklung eines weiteren Implantates geführt, welches einige Zentimeter höher in das Mittelhirn eingebracht wird. Auch hier werden derzeit die Ergebnisse systematisch analysiert. Welche Nebenwirkungen kann ein ABI haben? Schon während der Implantation des ABIs können Funktion und Nebenwirkungen durch gezieltes Monitoring, d.h. durch die Ableitung elektrischer Potenziale, untersucht werden. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Schwindel, Missempfindungen und unwillkürliche Zuckungen der Muskulatur. Man begegnet diesen Nebenwirkungen durch Reduzieren der Reizströme oder durch das Abschalten der entsprechenden Elektroden. Kann ein ABI ausgetauscht oder erneuert werden? Das ABI kann jederzeit abgeschaltet und alle Komponenten können ausgetauscht werden. Die Entfernung oder Replatzierung der Elektroden erfordert einen operativen Eingriff am Hirnstamm. Kann man trotz ABI eine Kernspintomografie (MRT) des Kopfes anfertigen? Das ist prinzipiell mit einem üblichen MRT-Magneten (Feldstärke 1,5 Tesla) möglich. Weit über den Bereich des ABIs hinaus entstehen dadurch allerdings Magnetfeldverzerrungen, die Teile des Bildes unlesbar machen. Wenn ein CT ausnahmsweise einmal nicht ausreichend ist, kann bei bestimmten ABIs der Magnet operativ entfernt und nach der MRT wieder eingesetzt werden. Prof. Dr. med.
Steffen Rosahl Weitere Informationen unter: schaedelbasis@helios-kliniken.de
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