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Cochlea Implantationen und
Beeinträchtigungen
des Gleichgewichtssinnes
Prof. Dr. B. P Weber
Beeinträchtigungen des cochleovestibulären Systems
können Hörminderungen bis zur Taubheit, Ohrgeräusche und Gleichgewichtstörungen
verursachen. Im Folgenden soll knapp auf Gleichgewichtsstörungen in Zusammenhang
mit Cochlea Implantationen eingegangen werden.
Physiologische Vorbemerkung
Vereinfacht ausgedrückt ist ein normaler
Gleichgewichtssinn durch gute Funktion dreier Systeme definiert:
1.
das
periphere Gleichgewichtsorgan mit Bogengängen, Sacculus und Utriculus;
2.
das
optische System;
3.
die
Oberflächen und Tiefensensibilität (Mechanorezeptoren der Haut und
Propriorezeptoren des Bewegungsapparates besonders der oberen Halsregion).
Bei Störungen eines dieser Systeme kommt es zu „
Gleichgewichtsstörungen ggf. Schwindel“. „Gleichgewichtsstörungen“ sind also
Störungen unserer Wahrnehmung im Raum, d.h. wir können das Verhältnis unseres
Körpers zur Umgebung – dem Boden, den bewegten Objekten wie Autos etc. nicht in
gewohnter Weise problemlos automatisch erfassen und unbewusst richtig darauf
reagieren. Zum Beispiel bekommt man „Schwindel“ beim Arbeiten an einem
flimmernden Computer der bewegte Bilder in schlechter Qualität zeigt oder hat
Probleme auf einer Baustelle mit unebenem Boden etc.
Aus den peripheren Gleichgewichtsorganen werden
regelmäßig Impulse abgegeben also auch in Ruhe (Ruheentladung). Wenn eines der
beiden im Ohr befindlichen Organe ohne entsprechenden Reiz wie zum Beispiel
Karussell fahren mehr Impulse abgibt als die Gegenseite so kommt es zu einer
Gleichgewichtsbeeinträchtigung eventuell mit Schwindel, Übelkeit bis zum
Erbrechen, Gangunsicherheit und Orientierungsproblemen besonders im Dunklen. Die
Informationen aus allen drei oben genannten Systemen werden im Gehirn
verarbeitet und sind für das Gleichgewichtsempfinden verantwortlich.
Ein besonders wichtiger Aspekt ist, dass im Gehirn
ein Mechanismus besteht der ein Ungleichgewicht zwischen rechts und links
ausgleichen kann. Das Gehirn lernt gleichsam die neue Situation als normal zu
erkennen. Wenn zum Beispiel nach einem Autounfall ein Gleichgewichtsystem durch
einen Bruch zerstört wird, so kann das Gehirn dies im Lauf der Zeit und bei
entsprechendem Training ausgleichen und der anfänglich heftige Schwindel nimmt
ab und verschwindet meist letztlich ganz. Diese zentrale Erholungsfunktion ist
altersabhängig und nimmt mit zunehmendem Alter ab. Junge Menschen ohne periphere
Gleichgewichtsorgane können daher oft problemlos Motorrad fahren und andere
anspruchsvolle Leistungen ohne Schwierigkeiten erbringen.
Gleichgewichtstörungen und CI
Um etwaige Beeinträchtigungen durch eine Cochlea
Implantation einordnen zu können sollen zumindest folgende Situationen
unterschieden werden:
1.
Völlig
regelhafte Gleichgewichtsfunktion vor der Implantation (gemessen)
2.
Subjektiv völlig regelhafte Gleichgewichtsfunktion bedingt durch vollständige
Kompensation einer Minderfunktion
3.
Gestörte
periphere Gleichgewichtsfunktion zum Beispiel bei Menièrscher Erkrankung
4.
Gestörte
zentrale Gleichgewichtsfunktion zum Beispiel nach Hirnhautentzündung
5.
Blindheit
6.
Die
spezielle Situation bei ganz kleinen Kindern, bei welchen eine klassische
Untersuchung des Gleichgewichtes sehr schwierig ist
7.
Ein oder
beidseitige Implantation simultan oder versetzt
Zu 1. Nur nach exakter Untersuchung des
Gleichgewichtsorganes lässt sich sagen ob bei einem Cochlea Implant Kandidaten
eine normale periphere Gleichgewichtsfunktion vorliegt. Nach einer Implantation
kann es prinzipiell zu einem Reizzustand des Innenohres kommen welcher sich zum
Beispiel in Unwohlsein und Schwindel ausdrücken kann. Dieser Zustand bessert
sich bei Menschen die jünger als 50 Jahre sind in aller Regel schnell (nach
wenigen Tagen) und ist mittelfristig meist überhaupt kein Problem. Bei älteren
Menschen könnten theoretisch längeranhaltende Störungen auftreten die sich
langsamer bessern. Glücklicherweise ist dies aber nach meiner persönlichen
Beobachtung auch bei über 65-jährigen selten.
Neben einem unmittelbar postoperativ auftretendem
Schwindel wird auch selten über einen im Intervall relativ akut gelegentlich
episodisch auftretenden Schwindel berichtet, dessen genaue Entstehungsgeschichte
bisher nicht geklärt ist (3, 6, 8).
Zu 2. Liegt vor der Implantation ein Ausfall des
betreffenden Gleichgewichtsorganes vor, so verursacht die Implantation keine
Irritationen. Bei noch vorhandenen Restfunktion gilt das unter zu 1 genannte –
jedoch eventuell in abgeschwächter Form.
Zu 3. Liegt vor Implantation eine Störung wie bei
einer Menièrschen Erkrankung (11) auf dem implantierten Ohr vor so kann diese
identisch weiterbestehen oder sich im Fall des Ausfalles des Organs sogar
deutlich bessern. Ist das nicht implantierte Ohr betroffen so könnte bei
Irritation des vormals noch gesunden Ohres die Gesamtsituation destabilisiert
werden.
Zu 4. Bei gestörter zentraler Gleichgewichtsfunktion
muss die Situation im einzelnen mit dem HNO Arzt und gegebenenfalls Neurologen
bzw. pädiatrischen Neurologen besprochen werden.
Zu 5. Bei Blindheit können leicht spezielle
Gleichgewichtsprobleme- in der Regel vorrübergehend- auftreten. Die Vorteile der
Implantation sind aber so gewaltig, dass dieser Aspekt zweitrangig ist.
Besonders bei Usher Patienten ist eine rechtzeitige Implantation anzuraten um
wenigstens einen Sinneseindruck nutzen zu können.
Zu 6. Aufgrund der beschränkten Testbarkeit lassen
sich wenig wissenschaftlich harte Daten über kleine Kinder finden.
Offensichtlich sind aber allgemein neurologisch unauffällige Kinder sehr gut in
der Lage etwaige Beeinträchtigungen zu kompensieren.
Zu 7. Im Zusammenhang mit simultaner bilateraler
Implantation treten nach Gantz (4) keine besonderen Schwindelprobleme auf. Ich
habe aber persönlich bei einem simultan implantierten Patienten (älter als 60
Jahre) postoperativ stark störenden Schwindel beobachten müssen. Die Beschwerden
haben sich zwar gebessert – aber die im Gegensatz zu den anderen bilateral
implantierten heftige Reaktion hat mich extrem nachdenklich gestimmt.
Möglicherweise ist bei einer bilateralen Implantation in einer Sitzung ein doch
etwas erhöhtes Risiko für Schwindelbeschwerden gegeben.
Wenn die zweite Implantation versetzt zur ersten
stattfindet so sollten folgende Aspekte geprüft werden.
1.
Sind die
Gleichgewichtsorgane noch intakt oder nicht?
2.
Liegt
ein gutes Sehvermögen vor.
3.
Wann ist
die Ertaubung aufgetreten.
Sollte das zu implantierende Ohr noch ein intaktes
Gleichgewichtsorgan besitzen so muss man sich als älterer Mensch (älter als 50)
auf mögliche Beeinträchtigungen einstellen und dies bei der Planung der
Rekonvaleszentenzeit berücksichtigen. Im Zweifelsfalle muss die OP Planung sehr
genau mit dem betreuenden Team abgestimmt werden
Interessant sind ganz allgemein folgende
Beobachtungen zur Literatur:
1.
Die
Angaben über das Ausmaß von postoperativen „ Gleichgewichtsstörungen“ schwanken
erheblich was auf die Genauigkeit der Prüfung zurückzuführen sein könnte (3, 5,
13,14,15,16).
2.
Patienten mit präoperativ schon bestehenden Schwindelbeschwerden scheinen etwas
häufiger betroffen zu sein.
3.
Mit
zunehmendem Alter treten mehr Schwindelbeschwerden auf (Alter über 50 bei
Implantation).
4.
Ist das
Alter bei Beginn des Hörverlustes älter als 26 könnten eventuell ebenfalls etwas
mehr Störungen auftreten (3).
5.
Eine
präoperativ pathologische Posturographie wird ebenfalls als ungünstig gewertet
6.
Es gibt
eine Reihe spezieller Umstände (9) bei denen spezielle Schwindelformen, wie ein
benigner paroxsysmaler auftreten, welcher in klassischer Weise behandelt werden
sollte (2).
Fazit
Aus meiner persönlichen Sicht sollte das Problem
möglichen postoperativen Schwindels offen und klar vor jeder Implantation
diskutiert werden.
Grundsätzlich sind postoperative
Gleichgewichtsstörungen möglich, erfreulicherweise sind sie aber im klinischen
Alltag in der Regel nicht sehr stark ausgeprägt. Sollten sie auftreten so ist zu
prüfen ob ein Gleichgewichtstraining angebracht ist, da dieses die Beschwerden
meist ganz erheblich lindern kann. Außerdem kann ein Schwindeltraining unter
Umständen die Zeitdauer der stärkeren Beeinträchtigung bedeutend verkürzen. Akut
auftretender heftiger Schwindel könnte durch eine Infektion verursacht sein und
muss daher umgehend mit dem HNO Arzt besprochen und abgeklärt werden.
Bei seitengleichen audiologischen Bedingungen könnte
der Zustand der peripheren Gleichgewichtsorgane für die Seitenwahl eine Rolle
spielen. Die möglichen Besonderheiten einer beidseitigen Implantation sollten
vorab besprochen werden.
Grundsätzlich sind aber dem relativ kleinen Risiko
einer „Gleichgewichtsbeeinträchtigung“ die doch bemerkenswerten Erfolge der
Cochlea Implantation gegenüberzustellen.
Literatur (auszugsweise):
1. Brey RH, Facer GW, Trine MB, et al.
Vestibular effects associated with implantation of a multiple
channel cochlear prosthesis. Am J. Otol 16 (4) 424-30 1995
2. Di –Girolamo S, Fetoni AR, Di-
Nardo W, Paludetti G, An unusual complication of cochlear implant: benign
paroxysmal positional vertigo. J Laryngol- Otol 113(10) 922-3, 1999
3. Fina M, Skinner M, Goebel JA, et al.
Vestibular dysfunction after cochlear
implantation. Otol- Neurotol. 24(2) 234-242, 2003
4. Gantz BJ, Tyler RS, Rubinstein
JT et al, Binaural cochlear implants placed during the same operation. Otol-
Neurotol 23(2) 169-180, 2002
5. Huygen PL, Hinderink JB, van den Brook P , et
al. The risk of vestibular
function loss after intracochlear implantation. Acta Otolaryngol 520 Supp Pt 2
270-2, 1995
6. Ito J. Influence of the
multichannel cochlear implant on vestibular function. Otolaryngol Head and Neck
Surgery 118 (6) 900-902, 1988
7. Kiyomitzu K, Tono T, Komune S,
et al. Dizziness and vertigo after cochlear implantation. Adv – Otorhinolaryngol
57 183-5, 2000
8. Kubo T, Yamamoto K, Iwaki T, et al.
Different forms of dizziness occurring
after cochlear implant. Eur-Arch-Otorhinolaryngol 258(1) 9-12, 2001
9. Lesinski A, Kempf HG, Lenarz
T. Tullio Phänmen nach Kochleaimplantation
HNO, 46 (7) 692-4, 1998.
10. Luetje CM, Mediavilla SJ, Geier LL.
Clinical correlates of sudden
auditory-vestibular loss in acochlear implant patient. Ear Nose Throat J 72(7)
452-459, 1993
11. Lustig LR, Yeagle J, Niparko
J. Cochlear implantation in Patients with Bilateral Meniere`s Syndrome . Otol-
Neurotol. 24(3) 397-403, 2003
12. Proops D, Stoddart RL,
Donaldson I. Medical surgical and audiological complications of the first
hundret adult cochlear implan patients in Birmingham. J- Laryngol-otol Suppl 24
14-17, 1999
13. Rossi G, Solero P, Rolando M, et al.
Vestibular function and cochlear
implant. J Oto- Rhino-Larygol related Spec 60 85-87 1998
14. Schneider D, Schneider L,
Müller J, Helms J, Vestibular function in patients with cochlear implant
surgery. Adv- Otorhinolaryngol 57, 183-5 2000
15. Steenersen RL, Cronin GW,
Gary LB, Vertigo after cochlear implantation.Otol- Neurotol 22(6): 842-3, 2001
16. Vilbert D, Häusler R, Kompis
M, Vischer M Vestibular function in patients with cochlear implantation. Acta
Otolaryngol Suppl 545 29-34 2001
Prof. Dr. Benno Paul Weber
ORL Klinik des
UniversitätsSpitals Zürich
Frauenklinikstr.24
8091 Zürich
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