Otologe, Ingenieur, Pädagoge – schon ein harmonischer Dreiklang?

Festvortrag anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Medizinische Fakultät der Universität Rostock am 1. November 2002

Vom unvergessenen HNO-Professor Julius Berendes stammt die Sentenz: H N O – ein harmonischer Dreiklang. Man möge mir erlauben, sie auf Gedanken anzupassen, die mich heute bewegen:

Arzt – Ingenieur – Pädagoge – auch ein harmonischer Dreiklang, wenn es um Hilfe für Schwerhörige und Taube geht?

Wie steht es um die Voraussetzungen für eine Gemeinsamkeit von Medizin, Technik und Pädagogik?

Für eine solche von Arzt und Ingenieur gab es ursprünglich wohl kaum einen Anlass. Stethoskop und Reflexhammer waren die wenigen Hilfsmittel der Heilkunst. Auch vom Denkschema her bestehen keine Parallelen. In der praktischen Anwendung bleibt vieles dem Arzt unmöglich; was er aber tun kann, das kann und muss er eventuell sofort verwirklichen, z.B. die Tracheotomie. Dem Ingenieur ist vieles oder gar alles möglich, aber nur irgendwann, kaum jemals sofort. Der Bau eines Gerätes, wenn auch noch so simpel, erfordert viel Zeit, definiert nach Mann-Monaten oder gar -Jahren. Diese Einsicht ist längst Selbstverständlichkeit für die Aufgaben geworden, die Ärzte heute der Industrie stellen.

Arzt und Pädagoge haben vieles gemeinsam; beide dienen dem Menschen. Der Arzt versucht, Krankheiten zu heilen, der Pädagoge ist um die Erziehung bemüht, im speziellen Fall um das Üben beeinträchtigter Fähigkeiten oder Funktionen.

In der modernen Schwerhörigenpädagogik aber war es um die Gemeinsamkeit mit den HNO-Ärzten nicht entsprechend gut bestellt. Reibungsfläche boten die Diagnose und Beurteilung des Hörschadens sowie die Hörgeräteanpassung – also die Audiometrie. Wir Ärzte beanspruchten sie ausschließlich für uns und stellten uns gegen die Einrichtung so genannter pädaudiologischer Abteilungen in den Schwerhörigenschulen. Doch unsere Argumentation stand auf schwachen Füßen, weil wir zwar als Erste die Kinder sahen, sie untersuchten und sie gegebenenfalls als schwerhörig erkannten, sie dann aber weitgehend der alleinigen Fürsorge der Pädagogen überließen.

Dies war die Situation noch vor ca. 30 Jahren. Wie aber war von den Anfängen her der Weg der drei Disziplinen hin zur gemeinsamen Arbeit um die Schwerhörigen und Tauben?

(...)

 

Prof. em. Dr. Dr. Dr. h. c. mult. Ernst Lehnhardt

Siegesstraße 15

30175 Hannover

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