Referat zum Seminar für gehörlose Eltern von Kindern mit CI,
dieses Seminar wurde gefördert
durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes:

Lange Zeit dachte man, dass die Gruppe gehörloser Eltern mit gehörlosen Kindern auf Grund der in aller Regel engen Verbundenheit mit der Gehörlosengemeinschaft und -kultur sowie der Verwendung von Gebärdensprache sich wohl nie für ein CI bei ihrem gehörlosen Kind entscheiden würde. Wenngleich diese Gruppe in der Tat nach wie vor eher klein ist, gibt es sie mittlerweile, und sie wird in den nächsten Jahren sicherlich weiter wachsen (vgl. Vonier). Eine zentrale Frage (neben vielen anderen) ist, was bezüglich der Identitätsentwicklung der implantierten Kinder gehörloser Eltern zu erwarten ist. Um diese Frage beantworten zu können, gilt es zunächst, einige grundsätzliche Aspekte der Identitätsentwicklung zu diskutieren. Das soll im Folgenden in gebotener Kürze geschehen.

Gedanken zur Identitätsentwicklung cochlea-implantierter Kinder gehörloser Eltern

Was bedeutet „Identitätsarbeit“?

In der neueren Literatur wird im Zusammenhang mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit (Globalisierung, Individualisierung etc.) häufig der Begriff „Identitätsarbeit“ verwendet. Dieser Begriff bzw. die Gedanken, die sich dahinter verbergen, lassen sich gut in Passung bringen mit dem Leben von Menschen mit einer Hörbehinderung. Eine autobiographische Aussage einer hochgradig schwerhörigen Frau zeigt an, was damit gemeint sein könnte: „...Offenbar reagierte ich nicht gemäß den Erwartungen der Erwachsenen. Und doch..., ich wollte wie die anderen sein, auch angenommen, wenn ich anders war. Ich wollte auffallen, reagierte daher oft extrem – mit Rebellion, Verweigerung oder Rückzug. Lange Zeit glaubte ich..., ich sei dumm. Darum träumte ich davon, eines Tages so gut von den Lippen ablesen zu können, dass mich die Menschen nicht mal anschauen oder ihr Sprechtempo verändern müssten, dass ich sowohl bei größeren Distanzen als auch bei minimalen Lichtverhältnissen noch immer alles verstehen würde. Zum Glück habe ich später eingesehen, dass diese Anforderungen viel zu hoch, ja gar nicht realisierbar sind. Heute möchte ich die sein, die ich bin und die werden, die ich sein kann.“ (Nicole Guyer). Zwei wesentliche Aspekte sind in dieser letzten Aussage enthalten:

·         Ich möchte die sein, die ich bin: Jeder von uns bringt etwas mit in dieses Leben und entwickelt sich mit diesem Potenzial zu einer Person/Persönlichkeit, die ihn unverwechselbar macht! Jeder hat also besondere Talente ebenso wie Schwächen. Es ist wichtig, diese Unterschiedlichkeit anzuerkennen und zulassen zu können.

·         Ich möchte die werden, die ich sein kann: Jeder von uns ist nicht irgendwann fertig oder kommt vielleicht schon fertig, irgendwie vorbestimmt auf die Welt, sondern jeder von uns ist dabei, sich im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten und im Rahmen der Mittel, die ihm zur Verfügung gestellt werden, zu vervollständigen, sich weiter zu entwickeln. Dazu braucht es lebenslang Impulse, Förderung, Anstöße etc.

In diesen beiden Aussagen drückt sich das ganze Spannungsfeld jeglichen Lebens aus, also auch das Leben von Menschen mit Besonderheiten – und Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit sind in erster Linie eine Besonderheit (eine besondere Variante in der Vielfalt menschlichen Lebens) und erst in zweiter Linie eine Behinderung. Denn ob Gehörlosigkeit/Schwerhörigkeit zur Behinderung wird, hängt sehr stark davon ab, ob man die Besonderheiten angemessen berücksichtigt.

Wie kommen wir nun zu der Erkenntnis, wer wir sind und wer wir sein oder werden wollen?

(...)

Anm.d.Red.: Überarbeiteter Vortrag des Wochenendes für gehörlose Eltern von Kindern mit CI in Violau, 3. Juli 2004

Prof. Dr. Manfred Hintermair, Dipl.-Psychologe

Pädagogische Hochschule Heidelberg

Institut für Sonderpädagogik

Zeppelinstr. 3

69121 Heidelberg

 

 

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