Laura träumt von der großen Liebe...

„Auf der Suche“ nennt Laura, sechzehnjährige Gymnasiastin, ihr Gedicht mit ihren vielen Fragen zur Liebe:

Ich frage mich, ob es die wahre Liebe gibt.

Was ich meine, ist die bedingungslose Liebe.

Die Liebe, die alles besiegt.

Die das Unmögliche möglich macht.

Die Liebe, die sich nicht fragt, ob sich’s schickt.

Gibt es sie, da draußen in dieser großen weiten Welt?

Ich weiß, dass sie irgendwo da draußen sein muss.

Aber wo? Wo die Sonne scheint? Wo es stürmt? Irgendwo da drüben hinter dem Horizont? Da, wo ich noch nie gewesen bin?

Werde ich diesen Ort der Ewigkeit jemals erreichen?

Oder ist sie mir schon über den Weg gelaufen, und ich habe sie einfach übersehen? Wo ist sie?

Ich frage die Wolken, ob sie wissen, wo die Liebe ist.

Doch sie ziehen seelenruhig weiter und verzieren dabei den Himmel mit ihren weißen Wattebäuschchen.

Ob in ihnen die Antwort steht?

Ob der Wind mir die Antwort zuflüstern kann?

Ich weiß es nicht. Ich verstehe die Sprache nicht.

So sitze ich hier und frage mich.

Bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten?

Zu warten, bis auch die Liebe eines Tages hier vorbeischauen wird auf ihrer ewigen Reise durch das Leben?

Ich weiß es nicht.

Aber wenn sie da ist, werde ich dir Bescheid sagen.

Ich werde es den Wolken sagen, und ich werde es dem Wind sagen. Ob sie mich verstehen werden?

Ich werde kommen und dir von der Liebe erzählen.

Aber bis dahin musst du noch warten. Ich tue es auch...

Prof. Dr. Elisabeth Müller-Luckmann schreibt an Laura:
Ich gratuliere dir zu diesem Gedicht, das deine Gefühle so sensibel abbildet und deinen Sinn für Poesie verrät. Du hast recht: Niemand weiß, wo die große Liebe wohnt. Deshalb darf jeder sie in seinen Träumen ansiedeln, wo er möchte. Das ist natürlich eine subjektive Wahrheit.“

Gleichwohl gibt es einige Erfahrungswerte, die man übernehmen kann – oder auch nicht. Der Weg zu sich selbst und den eigenen Gefühlen ist oft lang und schwierig. Aber wer den Mut hat, ihn geduldig zu gehen, geht nie ganz leer aus. Es ist ja der Weg zu den Werten, denen man sich verpflichtet hält, zu der eigenen Identität mit dem Ziel, sie authentisch zu verkörpern.

Wir alle träumen von einem Leben voller Sicherheit und Geborgenheit, von der Erfüllung unserer geheimen oder offen ausgelegten Wünsche. Darin spielt die Sehnsucht nach einem geliebten ‚Du’ einer großen Zweisamkeit oft die Hauptrolle. Das bedeutet, dass man aus dem Schatten des kleinen eigenen ‚Ichs’ heraustreten muss. Es bleibt also praktisch, das Gegenüber, das ‚Du’ wichtig zu nehmen wie das eigene ‚Ich’ und nicht geizig mit sich selbst zu sein.

Die wirklich große Liebe weiß, dass der andere, der geliebte Mensch, nicht der Packesel für die eigenen Ansprüche ist. Er ist viel mehr jemand, der mit all’ seinen unvermeidlichen Schwächen und Eigenheiten gewürdigt werden muss. Das ist wörtlich gemeint. Er sollte jemand sein, der auch in der Zweierbeziehung ein eigenständiges Wesen bleibt, das seine eigene Würde behält, auch in der Verschmelzung mit einem „Du“. Du ahnst, was ich dir sagen will: Liebe heißt immer auch Arbeit, die Schritt für Schritt das eigene ‚Ich’ und das ‚Du’ zusammenwachsen lässt.

Sich verlieben ist so leicht: in ein liebes Gesicht, eine schöne Bewegung, in Duft und Glamour. Aber Liebe wird erst daraus, wenn man dem Anderen zuhören kann und versteht, was er meint. Dann wandelt sich das Phantombild der Sehnsucht allmählich in das tief vertraute ‚Du’, dann wird dieses ‚Du’ zum Wert, den man nicht einer plötzlichen Laune oder einer Enttäuschung wegen aufs Spiel setzt und mutlos aufgibt.

Wenn die große Liebe zum verlässlichen Lebensinhalt werden soll, dann müssen wir ihr Entwicklungschancen geben, die sie in geduldiger Bemühung umeinander finden kann. Ja, die Liebe ist für Überraschungen gut, aber sie ist am ehesten für den zu entdecken, der ein offenes und liebebereites Herz hat, der sich nicht zu den Geizhälsen zählt, die sich egoistisch vor der Verschwendung des Herzens fürchten.

Quelle: Hamburger Abendblatt Wochenendjournal 12.11.2005

 

 

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