Bilaterales Hören – na klar!

Meine Frau und ich – beide geplagte Mittelschullehrer – verbrachten die letzten drei Ferientage dieses Sommers nicht mit Saunabesuchen in der oststeirischen Thermenlandschaft, sondern in Weyregg am Attersee. Im Sporthotel des heimeligen Ortes im Salzkammergut fand der 1. Cochlea-Workshop in Österreich statt.

Für Sport blieb wahrlich wenig Zeit. Eine große Schar interessierter ‘CI-Eltern’ fand sich ein, um neueste Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurobiologie – exzellent vorgetragen von Dr. Horst Hessel –, technische Informationen aus dem Erfahrungsschatz vom Audiologen Mag. Alois Mair und natürlich viele Tipps und Tricks von Sigrid und Dr. Uwe Martin – allseits hochgeschätzte Hörgeschädigtenpädagogen aus Bremen – in sich aufzusaugen.

Als wir Sonntagmittag nach der Seminarschlussrunde die Heimreise nach Kärnten antraten, wussten meine Frau und ich, dass uns der Diskussionsstoff in den nächsten drei Stunden sicherlich nicht ausgehen würde. Was heißt die nächsten Stunden... die nächsten Tage, ja Wochen. Viele Aussagen gingen uns durch den Kopf, Statements der Neurologen, Audiologen, Logopäden und insbesondere betroffener Eltern:

‘Unser natürliches Hören basiert auf dem binauralen (beidohrigen) Hören.’, ‘Studien belegen einen klaren bilateralen Hörgewinn sowohl in Ruhe, als auch im Störgeräusch.’, ‘Die Hörbahnen des unversorgten Ohres degenerieren. Nach Jahren kann eine Nachversorgung nicht mehr die Leistungsfähigkeit der früh versorgten Seite erreichen.’, ‘Mein Kind hört mit zwei CIs besser, sagt es selbst.’

Wir waren nach Weyregg gekommen, um uns noch einmal über den HdO-Sprachprozessor zu informieren, um uns Gewissheit für den Umstieg zu holen. Nach Hause gefahren sind wir mit der Ungewissheit, unseren Sohn Christian, zehn Jahre alt, auch am zweiten Ohr mit einem CI versorgen zu lassen.

Unser taub geborener Sohn wurde vor acht Jahren mit einem CI erstversorgt. Er hatte enorme Startprobleme. Ein Jahr lang zeigte er keine für uns bewusste Hörwahrnehmung. Es folgte ein zähes Ringen um jeden Laut, jedes zweisilbige, jedes dreisilbige Wort, jeden Satzfetzen; endlich erste Kurzsätze, zunächst vielfach ohne Verben, bis heute warten wir auf kurze Erzählungen...

Und dennoch werden wir diesen Schritt zur bilateralen Versorgung wagen. Wir möchten Christian die Chance zur besseren sprachlichen Entwicklung geben. Die SP-Anpassung wird sicherlich schwierig und für ihn anstrengend werden. Er ist aber so fleißig in der Schule, auch bei der Therapie zu Hause und freut sich über alles neu Erlernte. Christian genießt es, endlich dividieren zu können, das ‘g’ schön auszusprechen und ein Gedicht deutlich aufzusagen. Wie sehr wird er es genießen, wenn er hört, aus welcher Ecke seine Mutter ihn zu sich ruft.

Unser Sohn arbeitet so hart wie wenige Erwachsene, daher soll er alle Hilfestellungen bekommen, die es gibt.

Mag. Gerhard und Mag. Christine Marschnig

Dorfstr. 12

A-9311 Kraig

 

 

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