Ein Berliner in St. Gallen

Enric und seinen Eltern begegne ich zum ersten Mal beim Besuch unserer Schule im Herbst 2002. Während seine Eltern im Gespräch vertieft sind, versuche ich mit ihm zu spielen. Er begegnet mir freundlich und versucht mit Gestik und Mimik in Kommunikation mit mir zu treten. Wörter höre ich keine, er ahmt Geräusche für Autos nach und als ich die Eisenbahn tönen lasse, ahmt er den Laut ‘sch’, lang und kurz, langsam und immer schneller nach. Dies scheint ihm Spaß zu machen und er wiederholt das Spiel immer wieder. Was mir auffällt, sind die schrillen Töne, welche er benutzt, um auf sich aufmerksam zu machen.

Im Mai 2003 tritt Enric definitiv in den Kindergarten unserer Hörgeschädigtenabteilung ein. Die Eltern bringen Berichte der Fachstellen in Berlin mit, welche Enric untersucht und betreut hatten. Die Diagnose lautet:

  • ·         Praktische Taubheit beidseits

  • ·         CI rechts (OP 19. September 2000)

  • ·         Ausbleibende Entwicklung sprachlicher Kompetenzen

  • ·         Motorische Unruhe sowie Defizite in Konzentration/Aufmerksamkeit

  • ·         Hörschwelle mit CI in Spielaudiometrie bei 30 dB

Im Kindergarten integriert sich Enric gut in die Gruppe ein. Er ist ein beliebter Spielgefährte.

Regeln geben ihm Sicherheit, obwohl er oft seine liebe Mühe damit hat und stark die Grenzen sucht. Er ist ungeduldig mit sich selbst, hat noch wenig Ausdauer. Bücher und Bilder interessieren ihn sehr, er ist wissbegierig, möchte alles wissen. Nach dem Kindergarten schläft er oft im Schulbus ein, total erschöpft von all den Eindrücken.

Täglich begegne ich ihm in der Therapiestunde. Kindergarten und Therapeutinnen (Ergotherapeutin, Sprachtherapeutin, Mittagsbetreuung) arbeiten im Team. Wir versuchen in Standortbestimmungen Ziele zu setzen und diese, jeder in seinem Bereich, umzusetzen. Dazu gehören natürlich auch die Eltern. Ihre Rückmeldungen sind uns wichtig und wertvoll.

In der Therapiesituation reagiert Enric auf Geräusche, Töne und Zusprache, kann sie aber nicht einordnen. Er gibt unartikulierte Laute wie ‘aba, aba­’ von sich. Einige Vokale und Konsonanten kann er nachsprechen. Wir üben seinen Namen sowie ‘Mama’ und ‘Papa’, manchmal gelingt ‘Auto’. Ansonsten ist kein Wortschatz vorhanden. Wir verständigen uns mit Gestik, Mimik und Vorzeigen. Die artikulatorisch-praktischen Fähigkeiten sind ungeübt, aber unauffällig. Enric begreift aber Abläufe und Situationen aus dem Alltag, kann Mundbilder behalten und erkennt sie wieder. Er ist sehr unruhig, an keine Strukturen gewöhnt.

Wenn er keine Lust hat, dann zeigt er das auch deutlich und vermeidet Blickkontakt. Er hat einen sehr starken Willen, ich aber auch und nach erstem Widerstand ist er bereit zum Mitmachen.

Das Schuljahr geht Anfang Juli zu Ende und die Eingliederung ist geglückt.

Im Schuljahr 2003/2004 arbeiten wir an Lautbild und Silben mit Mundbildern, spielen Geschichten und singen einfache Kinderlieder.

Enric entwickelt einen enormen Drang sich mitzuteilen. Er explodiert förmlich nach dem Wochenende oder am Morgen bei Schulbeginn, wenn er seine mitgebrachten Sachen zeigen will. Er versucht es verbal, indem er einige Wörter artikuliert, andere einfach plaudert, mit Gestik, Mimik und Ausrufen untermalt. Beharrlich verfolgt er sein Ziel, verstanden zu werden.

Er reagiert weiterhin auf Töne, Klänge, Geräusche, Laute, Wörter und Zusprache, er kann sie besser, aber noch nicht gültig einordnen. Dies liegt weniger am Nicht-hören-Können als an seiner Aufmerksamkeit, welche bereits auf etwas anderes gerichtet ist.

Hören kann passiv geschehen, während Verstehen immer aktives Zuhören voraussetzt. Die meisten Laute können isoliert richtig gesprochen werden. Die sprachspezifischen Zungenbewegungen sind noch etwas unkoordiniert und verlangsamt, das Sprachverständnis hat sich merklich verbessert. Enric versteht viele Anweisungen im Kindergarten, denn da gibt es lautsprachliche Interaktion noch und noch. Sein passiver Wortschatz ist größer als sein aktiver. Sein Verständnis ist zum Teil noch situativ und visuell bedingt, aber immer mehr kommt der auditive Kanal zum Tragen. Wir haben inzwischen auch die Anpassung des SPs aufgenommen. Die Eltern erzählen, dass Enric das CI zum Einschlafen braucht, dies gibt ihm Sicherheit. Er spricht in Ein- bis Zwei-Wort-Sätzen: ‘Du ja’, ‘Bus kommt’, ‘Mama Hause’, ‘Oh Mann!’

Er interessiert sich sehr für Buchstaben und tut so, als würde er lesen. Er versucht sie auch zu schreiben. Enric kennt die Wochentage, Begriffe wie ‘heute’, ‘gestern’, ‘morgen­’.

Die Aufmerksamkeitsspanne ist länger geworden, vor allem, wenn er etwas wissen will. Oft will er mit Erzählen vom Üben ausweichen. Enric ist ein fröhlicher, interessierter Junge geworden.

Seit April 2004 besucht Enric eine bilinguale Spielgruppe und hat dort viele neue Begriffe in Gebärdensprache gelernt. Er kann sich mit andern gehörlosen Kindern bestens in Gebärdensprache unterhalten. Mit seinen Eltern und in der Schule benutzt er spontan die Lautsprache.

Im Sommer 2004 sind einige seiner Kameraden in die erste Klasse gekommen. Das konnte er lange nicht verkraften. Er war unkonzentriert und unruhig, hatte wenig Lust zu arbeiten. Erst als verstehen konnte, dass er im nächsten Sommer in die Schule kommen würde, strengte er sich wieder an, denn da hatte er ein Ziel vor Augen.

Wir üben weiter an den Lauten, vor allem ‘r’, ‘ch’, ‘k’ und ‘n’. Mit dem Leselehrmittel der ersten Klasse üben wir das zusammenhängende Lesen, das macht Enric Spass. Weiterhin sind Hörübungen angesagt. Besonders gerne arbeitet Enric mit dem Audilog am Computer. Immer noch versucht er auszuweichen, wenn er keine Lust hat. Manchmal beharrt er stur auf seiner Meinung und hat noch Mühe, eine andere Sichtweise zu akzeptieren. Er braucht klare Regeln. Jetzt versteht er auch Spaß  und macht selber Witze. Er spricht in Drei- bis Vier-Wort-Sätzen.

Enric besucht weiterhin die Ergotherapie, um seine Körperwahrnehmung zu schulen, Bewegungsabläufe zu lernen und sein Gleichgewicht zu üben. Hier kann er seine große Kreativität und Phantasie ausleben.

Ich darf behaupten, dass sich Enric bei uns wohl fühlt, ja er ist sogar ein richtiger Schweizer geworden, welcher gerne Käse isst und das Schweizer Kreuz überall sucht! Das ist wohl das Verdienst der Eltern. Sie haben sich von Anfang an bemüht, Kontakte zu anderen Eltern und zu der Schule zu knüpfen, die Stadt St. Gallen und ihre Umgebung kennen zu lernen und ihrem Sohn ermöglicht, ihr neues Zuhause bewusst zu erleben. Ihre Bemühungen werden in Zukunft Früchte tragen und ich wünsche ihnen weiterhin so viel Elan und Aufbruchstimmung, denn von Berlin nach St. Gallen zu ziehen, braucht doch viel Mut!

Liselotte Schlegel

Sprachheilschule St. Gallen

Höhenweg 64

CH-9000 St. Gallen
 

... und weitere interessante Artikel lesen Sie bitte in der aktuellen Ausgabe, zu bestellen bei der Redaktion!