Ja, es gibt sie, diese Grenzen.

Doch bevor das Thema behandelt wird, müssen erst zwei unterschiedliche Begriffe geklärt werden: Hören mit dem CI und Trainieren mit dem CI.

Hören und Verstehen mit dem CI ist von mehreren Faktoren abhängig. Es bleibt aber für den CI-Träger mehr oder weniger konstant. Jeder kennt seine Möglichkeiten und seine Grenzen.

Durch das Hörtraining soll das Hören mit dem CI verbessert werden, soll der Anwender seine Hörsituation so gut wie möglich verbessern und beherrschen lernen. 

Grenzen beim Hörtraining

Persönliche Erfahrung mit dem Hörtraining
1989 bekam ich ein CI. Ich war vorher nur zwei Jahre taub gewesen. In der Klinik erhielt ich parallel zur Anpassung des Sprachprozessors intensiven Einzelunterricht im Hörtraining, und zwar vormittags und nachmittags jeweils 45 Minuten. Als ich nach zwölf Tagen heimfuhr, glaubte ich, wieder sehr gut hören zu können. Doch die Situation im Alltag war um vieles schwieriger als die in der Klinik. Aus dem sehr guten Hören dort wurde ein oft mühsames Hören hier. Es gab für mich zum Üben nur einige Bögen mit Übungssätzen, die man mir in der Klinik mitgegeben hatte, und die erfüllten im Augenblick nicht ihren Zweck.

Ich musste mir selbst helfen. Als Pädagogin war es für mich nicht schwer, ein Übungsprogramm zusammenzustellen. Jeden Tag zur festgesetzten Zeit übte ich mit verschiedenen Trainingspartnern, und zwar nie mehr als 30 Minuten, dann ließ meine Konzentration nach und der Lernerfolg blieb aus. Auf diese Weise übte ich drei Monate, dann konnten wir keine nennenswerten Fortschritte mehr feststellen. Wir gaben die Übungsstunden auf, denn auch im Alltag mit seinem abwechslungsreichen Geschehen gibt es jede Menge Situationen zum Trainieren.

Heutige Erfahrungen von CI-Trägern
Wer jetzt mit einem CI versorgt wird, kann sich über großzügige Nachbetreuung freuen: Nach der Ersteinstellung des SP hat jeder Anspruch auf 20 Stunden logopädischer Behandlung mit Hörtraining. Diese Maßnahme kann bei Bedarf mehrfach wiederholt werden. Auch eine stationäre Reha-Maßnahme in einer Klinik mit einem speziellen Programm (Bad Berleburg, Bad Grönenbach, Rendsburg) kann man beantragen. Meistens wird sie bewilligt.

Grenzen beim Hörtraining
Dass es überhaupt solche Grenzen gibt, erfuhr ich, als ich während einer stationären Reha  Unterricht erteilte. Ohne Vorwarnung platzte einem CI-Träger beim Hörtraining der Kragen: „Üben, üben…, ich kann das Wort nicht mehr hören. Je mehr ich mich bemühe, umso weniger komme ich weiter, umso geringer sind meine Erfolge.“

Aus Erfahrung weiß ich, dass Hörtraining sehr anstrengend ist. Über 60 Minuten lang in voller Konzentration auf die Übungsinhalte durchzuhalten, ist schwer. Selbst wenn man mehrmals die Themen wechselt und die Zuhörer auf immer neue Art anspricht, gibt es trotzdem immer wieder kleine Proteste(s. o.).

Eine andere Teilnehmerin reagierte gelassener, als sie sich überfordert fühlte und ihre Grenzen bemerkte: „Mit viel Begeisterung habe ich in diesen drei Stunden mitgemacht. Die Übungen waren für mich nicht schwer. Ich verstand fast alles. Doch den Text der letzten Geschichte habe ich nicht begriffen. Alles rauschte an mir vorbei. Ich habe Kopfweh und muss an die frische Luft.“

Eine Fragebogenaktion
Wenn es Grenzen beim Hörtraining gibt, so interessiert es sicher, wie CI-Träger darauf reagieren.

Am sichersten scheint es mir zu sein, wenn sich CI-Träger dazu schriftlich äußern. Deshalb bat ich die Teilnehmer eines Wochenendseminars in Hannover und in Luxemburg, ihre Gedanken dazu aufzuschreiben. Ich gab einen Fragebogen dazu aus. Darin hieß es:

  1. Wann bemerkten Sie ihre Grenzen beim Hörtraining?
  2. Wie haben Sie darauf reagiert?
  3. Welchen Stellenwert hat Hörtraining für Sie?

Die Antworten dazu sind so vielfältig wie die Gesellschaft der Seminarteilnehmer. Hier sind einige davon, die teilweise verkürzt wiedergegeben werden.

Zu 1: Nahezu alle CI-Träger meinten, dass sie in den ersten drei bis sechs Monaten des Trainings die größten Erfolge verzeichnen konnten.

„Danach ging es nur noch in kleinen Schritten vorwärts.“( Hans-Jürgen P.)

„Jedes Jahr lerne ich noch dazu in der Familie, mit Freunden, bei der Arbeit und im Verein.“(Nicole F.)

„Grenzen erfuhr ich nach längerem Üben im ersten Jahr“. (Helga L.)

„Meine Grenzen bemerkte ich beim Telefonieren. Hatte die Nase voll“. (Dörte A.)

„Grenzen? Immer!“ (Renate W.)

Zu 2.:

„Ich schalte ab, wenn es mir zu viel wird“. (Nicole F.)

„Zunächst Abstand gehalten, dann nach Lösungen gesucht. Es klappte besser“. (Dörte A.)

„Zeitweise auf erprobte Techniken zurückgegriffen, z. B. Lippenlesen“. (Erwin L.)

„Pause gemacht, Bewegung an der frischen Luft, Radfahren und Ablenkung“. (Helga L.)

„Wenn möglich, kurze Entspannungspause“. (Ingeborg M.)

„Erst Enttäuschung, dann Akzeptanz“. (Angela P.)

„Mit angemessener Resignation“. (Dieter G.)

„Setzen, weitermachen“. (Renate W.)

Zu 3.

„Hörtraining ist sehr wertvoll. Aber alles entspannt und locker angehen. Kleine Schritte und viel Geduld führen zum Ziel“. (Christa F.)

„Mann soll immer in Übung bleiben“. (Chantal K.)

„Das Hörtraining hat mich weitergebracht. Ohne fachliche Hilfe hätte ich es nicht so gut geschafft“. (Dörte A.)

„Für die Anfangsphase war es enorm wichtig. zwei Monate sind aber genug“. (Hans-Jürgen P.)

„Je mehr Hörtraining, umso besser das Ergebnis. Damit noch besseres Sprachverständnis“. (Helga L.)

„Regelmäßige Seminare beweisen, dass Grenzen überwunden werden können“: (Renate W.)

 

Fazit
Fast alle Beispiele zeigen, dass es wenig bringt, verbissen weiter zu üben, wenn man seine Grenzen beim Hörtraining erreicht hat. Eine mehr oder weniger lange Pause verschafft Abstand zum Lerninhalt. Danach geht es mit neuem Eifer und mehr Aussicht auf Erfolg weiter.

Marlis Herzogenrath

Hohlsteinstr. 9

57080 Siegen

 

 

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