|
|
Jede theoretische
Erklärung ist eine Reduzierung der Intuition. Lolas leises Lächeln „Als sich beim ersten Hörerlebnis Lolas Wangen rot färbten und ein kaum wahrnehmbares Zittern durch den kleinen Körper lief, da konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Das war der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten. Und Lola hatte sichtlich Freude an ihrem neuen Sinneserlebnis.“ Lolas Mutter beschreibt den Moment, in dem ich zum ersten Mal den Sprachprozessor (SP) einschalte, Lola etwas erstaunt aufschaut und ein zartes, leises, fast verstehendes Lächeln ihr Gesicht strahlen lässt. Wer jemals nach den Zeiten der Diagnose, ersten Informationen, Unentschlossenheit, Angst und Sorgen um die Operation und der quälenden Fragen, ob die Entscheidung zum CI auch das Richtige ist, gehörlose Kinder so erlebt hat, muss zugeben: Hier wird ein kostbares Geschenk angeboten. Lola war damals acht Monate alt. Einen Monat vorher war sie simultan mit zwei Nucleus-CIs versorgt worden. Jetzt ist sie drei Jahre und drei Monate alt und besucht einen Regelkindergarten. Sie kann sich umfangreicher, verständlicher, eloquenter und inhaltlich genauer ausdrücken als die meisten ihrer hörenden Altersgenossen. Die Unterhaltung scheint ihr leicht zu fallen. Egal, ob man mit ihr in einer ruhigen Umgebung oder neben einem heftig sprudelnden Springbrunnen spricht, während ihre Geschwister auch ihr Recht auf Rede und Antwort einfordern: Es gibt nur selten Missverständnisse. Kinder wie Lola, die sehr früh und noch dazu simultan bilateral CI-versorgt werden, sind natürlich zeitlich und phänomenologisch noch sehr nah an der Entwicklungslinie hörender Kinder gleichen Alters. Darüber hinaus stehen sowohl den Eltern als auch allen anderen Beteiligten in der Umgebung des Kindes durch diese zeitliche Nähe biologisch determinierte Verhaltensweisen noch ziemlich ungestört zur Verfügung, die von Hanuš und Mechthild Papoušek sehr eingehend untersucht wurden und die sie ‘intuitive elterliche Didaktik’ nennen. Mehr noch, auch hörgeschädigte Säuglinge bieten noch eine Vielfalt ihres ebenfalls angeborenen kommunikativen Verhaltens an, das Eltern und andere Beteiligte dazu ‘verführt’, sich in jeder Hinsicht – auch sprachlich – richtig zu verhalten, wenn..., ja wenn in dem Zeitraum, als die Hörschädigung entdeckt und benannt wurde, dieser intuitive Dialog nicht mehr oder weniger stark irritiert und gestört wurde und nicht zu lange brach lag. Wie wir wissen, ist diese beeindruckende Fähigkeit den Eltern nicht bewusst. Sie ist auf sehr sensible Weise an intuitive, insbesondere zeitlich genau abgestimmte gegenseitige Zuwendungen gebunden, um ‘in Takt’ zu bleiben. Und, was die Sache erschwert, einmal gestört, ist sie nicht auf kognitivem Wege zurück zu gewinnen. H. und M. Papoušek warnen denn auch: „Deshalb ist bei den Programmen besondere Vorsicht geboten, die allein mit Hilfe von rationaler Kontrolle, Handlungsdirektiven und strengen verhaltenstherapeutischen Belohnungsstrategien arbeiten... (Diese) nehmen keine Rücksicht auf ein entscheidendes Merkmal der intuitiven elterlichen Verhaltensformen: die fehlende Möglichkeit, sie bewusst, rational und willkürlich zu kontrollieren.“ Doch dazu später. Zunächst möchte ich auf die Nähe zur Entwicklungslinie normal hörender Kinder zurückkommen. Der amerikanische Linguist Mario A. Svirsky hat untersucht, welche Zeitverzögerungen in den Sprachfähigkeiten zwischen gehörlosen Kindern, die mit vier Jahren CI-versorgt wurden, gehörlosen Kindern, die weiterhin mit Hörgeräten versorgt blieben, und normal hörenden Kindern auftreten. Wie die folgende Grafik zeigt, setzte er bei den hörenden Kindern ihr Sprachalter mit dem Lebensalter gleich (blaue Linie). Zwischen den Sprachfähigkeiten dieser Gruppe und der gehörloser Kinder mit Hörgeräten wird die zeitliche Lücke mit zunehmendem Alter immer größer (vgl. lila und blaue Linie). Kinder, die mit vier Jahren ein CI bekommen haben, holen zunächst etwas auf, um dann bei einem Abstand von zwei Jahren zu bleiben (vgl. hellblaue und blaue Linie). Diese Ergebnisse beruhen auf statistischen Durchschnittswerten der einzelnen Gruppen, wir und Sie als Leser wissen auch, dass sich einzelne Kinder so oder so völlig anders entwickeln. Heute werden die meisten Kinder im zweiten Lebensjahr operiert und die Tendenz geht in Richtung sechsten bis zwölften Monat; zunächst mehrheitlich noch mit einer einseitigen, zukünftig sicher auch vermehrt mit einer simultanen bilateralen Versorgung. Die klinischen Erfahrungen zeigen, dass der Versorgungszeitpunkt und das Restgehör einen großen Einfluss auf die Lücke in der Sprachkompetenz zu den hörenden Kindern haben. Bei einer CI-Versorgung gehörloser Kinder mit zwölf Monaten beträgt sie bis zum Schulalter nur noch etwa acht Monate und hochgradig schwerhörige Kinder (mHV 80 dB), die im zweiten Lebensjahr versorgt wurden, zeigen bis zum Schulalter keine wesentlichen Unterschiede zu ihren Altersgenossen. Soweit das Labor! Im wirklichen Leben machen wir und sicherlich auch Sie die Erfahrung, dass auch diese Kinder im Alltag und speziell in Gruppensituationen sehr viel mehr Energie aufbringen müssen, um ‘am Ball’ zu bleiben und Missverständnisse auszuräumen als andere Kinder und deshalb selbstverständlich ein Recht auf zusätzliche Unterstützung und – so heißt es formal – auf ‘Nachteilsausgleich’ haben. Aber das wäre ein neues Thema. Zurück zu Lola. Sie ist mit sieben Monaten simultan bilateral versorgt worden und hat mit drei Jahren mindestens den Sprachstand ihrer hörenden Altersgenossen, auch in der geräuschvollen Gruppensituation erscheint ihre Kommunikation ungestört, sie kann auch dort sicher unterscheiden, von wo sie angesprochen wird, ohne den Sprecher zu sehen. Bedeutet dies alles nun, dass die Habilitation bei früh versorgten Kindern überhaupt oder bei Kindern wie Lola leichter wäre als bei anderen Kindern mit CI? Mitnichten! Zeitlich, personell und inhaltlich treten andere Gewichtungen auf, insofern ist sie möglicherweise anders, aber nicht weniger aufwendig. Haben Sie schon einmal versucht, bei einem acht Monate alten Kind zwei SPs in einer möglichst kurzen Zeitspanne ‘in Takt’ und in Balance zu bringen, sodass für alle Beteiligten die Sicherheit erwächst: Rechtes und linkes CI bieten dem Kind Impulse an, die es als angenehm, ausgewogen und dennoch unterscheidbar empfinden kann und Klang und Sprache nahe bringen? Acht Monate alte Kinder können uns nicht sagen, wie ihr Höreindruck ist, wie er sich ändert, wenn sich die Einstellung ändert. Was wir für eine optimale Anpassung brauchen, sind · genügend Zeit ohne Unterbrechung, · ein angenehmer Raum (nicht voll gestellt mit Monitoren, Rechnern, medizinischen Geräten usw.), · eine persönliche Atmosphäre, die es Eltern und Kind ermöglicht, sich sicher zu fühlen (trotz aller verständlicher Aufregung), · die Fähigkeit, ideomotorische und analoge Reaktionen des kleinen Kindes auf die neuen, fremden Eindrücke ‘lesen’ und interpretieren zu können, · Zeit und Offenheit, im Gespräch mit den Eltern aus ihren Erlebnissen mit ihrem Kind Hinweise für die Optimierung der Anpassung herauszufiltern, · die Eindrücke der Fachpädagogin, die bei unseren Anpassungen stets dabei ist, und · die sorgfältige Beobachtung und Interpretation stimmlicher Veränderungen beim Kind.
Bei Lola, wie bei allen Kindern
mit einem oder zwei Nucleus CI-24, bieten uns daneben die Ergebnisse der
Neuronalen-Antwort-Telemetrie (NRT) seit einigen Jahren eine hervorragende
Grundlage, um eine Anpassung rasch, sicher und effizient durchführen zu können.
Dazwischen kommen die Kinder mit ihren Eltern respektive meist ihren Müttern wöchentlich zu den therapeutischen Fachkräften in unser Zentrum. Je nach bisheriger Entwicklung, Versorgungszeitpunkt, familiärer Konstellation, vorgefundenen Kommunikations- und Verhaltensmöglichkeiten und Stärken des Kindes und seiner Eltern sind die Inhalte dieser wöchentlichen Habilitationstermine individuell sehr verschieden, sowohl bezogen auf das Kind als auch auf seine Eltern. Trotz des individuellen Zugangs legen uns die Erkenntnisse von M. und H. Papoušek, Steven Pinker, Manfred Auwärter, Fritz B. Simon, Paul Watzlawick und anderen Kommunikations-, Sozialisations- und Lernforschern sowie unsere eigenen Erfahrungen nahe, einige Landmarken und Leuchttürme im Blick zu haben, wenn wir die Habilitation kleiner hörgeschädigter CI-Kinder zusammen mit ihren Eltern gestalten:
Diese Markierungen haben Auswirkungen auf die Habilitation und Förderung der Kinder, über die wir hier sprechen. Sie weisen uns den Weg zu dem, was wir tun und auch zu dem, was wir nicht tun sollten, und ebenso zur Zusammenarbeit mit den Eltern. Dazu aber mehr in einem Folgebeitrag. Zum Schluss: Es scheint, Lolas leises Lächeln hat ahnungsvoll vorweg genommen, was ihre Mutter heute sagt: „Wir haben durch Lola erfahren, was Glück bedeutet. Es hat unsere Familie zu einer starken Einheit geschweißt durch das Meistern dieser zunächst unendlich schwierig scheinenden Situation und den vielen beglückenden Erlebnissen.“ Klaus Berger CIC Berlin-Brandenburg Werner-Otto-Haus Paster-Behrens-Str. 81 12359 Berlin ... und weitere interessante Artikel lesen Sie bitte in der aktuellen Ausgabe, zu bestellen bei der Redaktion!
|
|
|
|