Das Ende der ‘Stummfilmzeit’

Seit vier Generationen wird in unserer Familie Innenohr-Schwerhörigkeit vererbt. Mein erstes Hörgerät bekam ich 32-jährig 1970 auf dem linken Ohr, das rechte war schon damals nach drei Schwangerschaften und ausgeprägtem Morbus Menière praktisch taub und hatte nie ein Hörgerät kennen gelernt. Das linke Ohr ertaubte nach mehreren Hörstürzen in Etappen bis 1994. Bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben 1995 war ich 31 Jahre als Abteilungsleiterin in einer Universitätsbibliothek ganztags tätig, zwischenzeitlich mehrere Jahre auch mit Dozentennebentätigkeit. Dies war nur durch jahrzehntelanges kollegiales Zusammenspiel und Verständnis untereinander im Dienst sowie zu Hause mit der geduldigen Familie möglich. Auch im Freundeskreis hatte mich nie jemand ausgegrenzt. Ende 2004, im Alter von 67 Jahren, entschloss ich mich nach fachärztlicher Beratung und in Absprache mit der Familie für ein CI, obwohl ich wegen jahrzehntelanger Herzrhythmusstörungen für mein ‘herzliches’ Befinden ein Risiko einging. Ich war am Ende meiner Möglichkeiten angelangt: Ich hörte zwar mit meinem Sumo-Power-HdO-Gerät auf dem linken Ohr noch etwas, verstand aber nur noch wenig. Andere technische Hilfen brachten mir nichts mehr. Einem intensiven Absehkurs (14 Tage in Weimar 1985) und offensichtlich gut trainiertem Kombinationsvermögen verdankte ich bisher die Möglichkeit, mich mit meiner Umwelt verständigen zu können, wenn ich den Gesprächspartnern frei nach Luther ‘aufs Maul schauen’ konnte, d.h. wenn sie mich ansahen. Zuletzt versuchte ich auch in LBG-Kursen (unvergessen Käthe Rathke und Ute Dörfer), an denen auch mein Mann teilnahm, zusätzliche Hilfe zu finden, was mir aber nicht gelang – ich war zu sehr auf das Lippenlesen fixiert. Außerdem fehlen im Alltag mit LBG vertraute Gesprächspartner. Nach jahrzehntelanger Taubheit wollte ich wenigstens versuchen, in die Welt der Hörenden zurückzukehren und auch meinen drei erwachsenen Kindern, denen ich allen mein unglückseliges Erbe in die Wiege legte, zeigen, welche Möglichkeiten sich mit einem CI bieten.

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Dr. Adelheid Kasbohm

Planckstr. 22/24

10117 Berlin

 

 

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